Automatisation des IVF-Prozesses: Ein wichtiger Meilenstein / Wichtigkeit vom Testosteronstatus in jüngeren Jahren / Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Brustkrebsinzidenz sowie -prognose / Lehren aus der WHI-Katastrophe: Ein Plädoyer für die Vernunft / Postpartale zerebrale Morbidität bei Hypertonie i.w.S. / HPV-Impfung nach Konisation – jetzt ist endlich alles unklar …
In Zusammenarbeit mit der Harvard University, Boston, USA wurde ein möglicherweise bahnbrechendes Gerät, der „FIND-Chip“ der Firma AutoIVF Inc., erfolgreich getestet.
Dass diese Experimente in einer der renommiertesten Zeitschriften „Nature Medicine“ (Impact Factor ca. 50!) publiziert wurden, unterstreicht deren Bedeutung (Mutlu, B.R. et al: Microfluidic automatiion improves oocyte recovery from follicular fluid of patients undergoing in vitro fertilisation. Nature Medicine doi.org.10.1038/s41591-026-04207).
Der Erfolg einer IVF-Behandlung ist sehr
stark abhängig von der Anzahl Oocyten, die nach einer Stimulation gewonnen
werden können. Üblicherweise wird die Follikelflüssigkeit (FF) durch
qualifizierte Embryologinnen unter dem Mikroskop manuell untersucht und die
Cumulusoocytencomplexe (COC) dann weiter verarbeitet. Dieser nicht ganz
einfache Vorgang hat sich seit 1978 nicht stark verändert. Bisher sind
Automatisationsprozesse wegen der relativ grossen Flüssigkeitsmenge und
zahlreichen Nicht-Target-Zellen gescheitert. Das neu entwickelte Gerät
automatisiert folgende Schritte:
1. Erkennen
und Fassen der COC-Komplexe
2. Entfernung
von überflüssiger Flüssigkeit und Debris
3. Denudierung
und Waschung der Zellen
4. Freisetzung
der denudierten Oocyten zur Weiterverarbeitung (ICSI oder Kryokonservierung)
Die FF von 582 Patientinnen – Durchschnitttsalter 36 Jahre, aus vier IVF-Zentren mit 39 teilnehmenden Reproduktionsmedizinern und 61 Embryologen – wurde zuerst traditionell manuell auf Oocyten abgesucht und diese dann wie üblicherweise weiterverarbeitet. Anschliessend wurde die FF erneut untersucht mit der FIND-Chip-Methode.
Überraschenderweise fand man mind. eine zusätzliche oder mehr bei 54.3 % der Proben. Mehr als die Hälfte waren MII-Oocyten. Dies galt für alle Gruppen (0–5 Oocyten: 59.5 %; 1–17: 61.8 %; >24: 65%). In einer Klinik wurde die FF vorher ein zweites Mal untersucht, ohne dass man so weitere Oozyten fand, mit anschliessender FIND-Chip-Methode jedoch schon. Kein Unterschied bestand zwischen den Kliniken. Der automatisierte Prozess dauerte ca. 30 min (Abb. 1)
Kommentar
Die Anzahl gewonnener
Oocyten ist ein Schlüsselfaktor bei jeder IVF: Mehr Eizellen – höhere
Schwangerschaftsrate. Jede Verbesserung in diesem Bereich hat eine relativ
grosse Bedeutung von der Standard IVF/ICSI über Social Freezing bis zur
Eizellspende. Möglicherwise könnte dank dieser Verbesserung sogar die Anzahl
Follikelpunktionen pro Patientin reduziert werden, was die Kosten senken
könnte. Je mehr Automatisierung, desto weniger Embryologiepersonal (rar,
kostspielig).
Es ist weiter denkbar,
dass dieser automatisierte Prozess schonender für die Eizellen ist, was zu mehr
viablen Blastozysten führen könnte. Die nächsten Schritte müssen nun
prospektive, randomisierte Studien sein, um die bisher vorliegenden Daten
abzusichern. Die nächsten Fortschritte auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin:
Automation gekoppelt mit KI.
Michael K. Hohl
Testosteronwerte sind ein ständiges Thema in der Andrologie, vor allem in der Fertilitätsabklärung und Paartherapie. Die vorliegende Studie besticht durch ihr prospektives Design, die grosse Teilnehmerzahl und die lange Nachverfolgungszeit. Diese finnische Studie hat 2788 Männer, bei denen im Alter von 31 Jahren Testosteronwerte bestimmt worden waren, über 15 Jahre bis zu einem Alter von 46 Jahren nachverfolgt.
Als niedriger Testosteronwert wurde ein Testosteronwert von <12.1 nmol/l definiert. Teilnehmer, die einen niedrigen Testosteronwert zeigten, waren sowohl mit 31 Jahren als auch mit 46 Jahren signifikant adipöser, hatten einen niedrigeren Wert für das Sexualhormon bindende Globulin (SHBG) und hatten in 39.7 % der Fälle im Alter von 46 Jahren eine gestörte Gukosetoleranz im Vergleich zu 26.6 % derjenigen Männer mit normalen Testosteronwerten (p = 0.02). Der nicht adjustierte Wert zeigte für Männer mit niedrigen Testosteronwerten ein um den Faktor 1.8 erhöhtes Risiko für eine gestörte Gukosetoleranz. Darüber hinaus waren auch erniedrigte Werte vom SHBG ein erhöhtes Risiko für eine gestörte Gukosetoleranz.
Teilnehmer, bei denen der Testosteronwert vom 31. Lebensjahr bis zum 46. Lebensjahr signifikant absank, hatten den stärksten Anstieg des Body Mass Indexes (BMI).
Es wird in dieser Studie gefolgert, dass niedrigere Testosteronwerte und SHBG-Werte ein Indikator für das spätere Risiko für Prädiabetes und Typ-2-Diabetes sein können. (Tuomisto A, Pinola P, Pesonen P, Franks S, Martikainen H, Tapanaimen JS, Ninimäki M, Morin-Papunen L: Low Testosterone levels in men at age 31 associates with future risk of prediabetes and type 2 diabetes: A birth control study Andrology 2025; Sept 16 doi 10.1111/andr.70122, Epub ahead of print PMID 40958465)
Kommentar
Diese hochqualitative
Studie mit langem Follow-Up und einer grossen Zahl von Teilnehmern zeigt uns
die Wichtigkeit vom Testosteronstatus in jüngeren Jahren als möglicher
Indikator für die Entwicklung von chronischen Erkrankungen im höheren Alter.
Im Rahmen der
Männergesundheit sollten wir diesen Zusammenhang vielleicht im Auge behalten;
möglicherweise bietet diese Studie Grundlage für eine umfassende Information
jüngerer Männer mit niedrigem Testosteronwert, auf ihren Blutzuckerspiegel und
ein normales Gewicht zu achten.
Manchmal habe ich den
Eindruck, dass der männliche Partner bei unseren Therapien natürlich nicht im
Fokus steht, wir aber eine gewisse Verantwortung bei den Abklärungen mittragen
können. Ich finde diesen Artikel darüber hinaus spannend geschrieben und wichtig
für unsere Beratungssituation.
Annette Kuhn
Obwohl bekannt ist, dass Alkoholkonsum das Risiko für die Entstehung von Brustkrebs (BC) beeinflusst, ist der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und der Prognose nach einer bereits erfolgten Brustkrebsdiagnose weniger gut erforscht. Diese Metaanalyse untersuchte den Einfluss von Alkohol sowohl auf die Brustkrebsinzidenz als auch auf den Krankheitsverlauf. Es wurde eine systematische Literaturrecherche bis zum 1. Mai 2025 durchgeführt. Eingeschlossen wurden retrospektive und prospektive Studien, die Daten zu Brustkrebsinzidenz, Rezidiven und Überlebensraten bei Frauen mit Alkoholkonsum lieferten. Die Analysen unterschieden zwischen leichtem, moderatem und schwerem Konsum. Insgesamt wurden 37 Studien mit 2 565 920 Frauen in die Metaanalyse einbezogen. Jeglicher Alkoholkonsum war mit einem erhöhten Risiko für Brustkrebs verbunden (RR 1,17). Das Risiko stieg dosisabhängig an: Bei leichtem Konsum um 13 % (RR 1,13), bei moderatem Konsum um 28 % (RR 1,28) und bei schwerem Konsum um 52 % (RR 1,52). Besonders deutlich war der Zusammenhang bei hormonrezeptor-positivem Brustkrebs. Es wurde kein signifikanter Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und dem Risiko für Rezidive (RR 1,02) oder dem brustkrebsspezifischen Überleben (BCSS; HR 0,93) festgestellt. Leichter und moderater Alkoholkonsum waren mit einem geringfügig verbesserten Gesamtüberleben verbunden (HR 0,85 bzw. 0,84). Die Autoren weisen darauf hin, dass dies wahrscheinlich auf eine Verringerung nicht-krebsbedingter Todesursachen, wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zurückzuführen ist und nicht auf einen schützenden Effekt des Alkohols auf die Biologie des Brustkrebses. (Arecco L et al. The Breast 86 [2026] 104719)
Kommentar
Die Untersuchung von
über 2,5 Millionen Frauen bestätigt, dass Alkoholkonsum das
Brustkrebsrisiko dosisabhängig erhöht. Bei Patientinnen mit einer bestehenden
Brustkrebsdiagnose schien Alkoholkonsum die Prognose jedoch nicht zu
verschlechtern. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Reduzierung des
Alkoholkonsums als modifizierbaren Risikofaktor zur Prävention von Brustkrebs.
Cornelia Leo
23 Jahre dauerte es, bis die
regulatorischen Massnahmen, welche in der Folge der problematischen WHI-Studie
in den USA ergriffen wurden (Black-Box-Warnung) endlich aufgehoben wurden.
Black-Box-Warnungen sind die strengsten Warnhinweise der FDA. 2003 wurde
deklariert:
1. Die
Warnung gilt für alle Östrogen- und kombinierten
Östrogen- und Gestagenpräparate (Pillen, Pflaster, Crèmes) in
allen Dosierungen (!) für Frauen jeden Alters.
2. Erhöhtes
Herzkreislauf-Risiko (Herzinfarkt, Schlaganfall, Thromboembolien)
3. Ein
erhöhtes Risiko für Mammakarzinome (besonders bei Kombinationspräparaten)
4. Ein
erhöhtes Risiko für Demenz bei Frauen über 65 Jahren5. Hormone
sollten nicht zur Vorbeugung von Herzkreislauf-Erkrankungen eingesetzt werden
und nur in der niedrigst wirksamen Dosis für die kürzestmögliche Dauer.
Relativ frühzeitig wiesen Experten auf die Mängel der Studie hin:
Korrigierende und überzeugende Studien wurden weitgehend ignoriert:
Das Medicolegale Klima, das eine Verschreibung potenziell riskant macht, eine Nichtverschreibung jedoch nicht, hat eine Korrektur sicher nicht begünstigt. Was das Mamma-Ca-Risiko betrifft zeigte bereits die WHI-Studie ein leicht vermindertes Risiko bei alleiniger Östrogentherapie, ein etwas erhöhtes unter E-P-Kombinationstherapie. Eine umfassende neue Übersichtsarbeit kommt zum Schluss:
Am 10. November 2025 erklärte der FDA Commissioner Marty Makary das verursachte Hormonersatztherapie-Debakel (HRT) als einen der grössten medizinischen Irrtümer unserer Zeit (Makary M et al. JAMA doi:10.1001.jama,2025.22259) und liess alle Blackbox-Warnungen entfernen bis auf die Warnung vor Endometrium-Ca bei Monopräparaten.
Doch diese voreilige Massnahme und deren Nichtkorrektur trotz zahlreichen widersprechenden guten Studien während über 20 Jahren hat einen enormen Schaden angerichtet: Innert Monaten brachen die Hormonverschreibungen weltweit ein. Allein zwischen 2002 und 2012 gingen die jährlichen Verschreibungen in den USA von 90 Mio. auf 21 Mio. zurück. Die Konsequenzen waren drastisch: Man berechnete, dass deswegen allein zwischen 2002 und 2012 ca. 91 000 Frauen in der Alterskategorie 50–59 vorzeitig verstarben (Sarrell PM et al. Am. J. Public Health 2013; 103:1583–8). Ca 50 Mio. Frauen wurde die HRT vorenthalten.
Heutige Erkenntnisse zeigen einhellig, dass eine innert zehn Jahren seit Menopause begonnene HRT-Therapie die kardiovaskuläre Mortalität um 25–50 %, den kognitiven Abbau um 64 % und M. Alzheimer um 35 % senkt (Makary M et al. 2025). Dazu kommt eine signifikante Reduktion von osteoporotischen Frakturen. Ganz zu schweigen von der sehr wirksamen Behandlung der vasomotorischen Symptome, Schlafstörungen und des genitourinären Syndroms.
In einer lesenswerten Übersichtsarbeit rollen die Autoren diese „Hormontherapie-Katastrophe“ auf und plädieren für eine Reform der regulatorischen Prozesse: Eine Warnung sollte sich strikt an die Evidenz halten und zwingend alle fünf Jahre eine Blackbox-Warnung nach den Kriterien der EBM reevaluiert werden, Verpflichtung auf eine Kommunikation von absolutem und nicht relativem Risiko; und wichtig: verstärkte Berücksichtigung der Menopausenmedizin in der Fachausbildung. (Sholam Z, Weissmann A, Adashi EY. Twentythree years from error to correction. The hormone therapy catastrophe and the urgent case for regulatory reform. J. IVF-Worldwide 2026; 4:15–21)
Kommentar
Die „WHI-Story“ ist ein Lehrbeispiel überhaupt und auch für den sog.
„Teufel-Engel-Effekt“ (siehe „Betrifft“). Zahlreiche methodisch einwandfreie
Studien, die die verallgemeinernden Schlussfolgerungen der WHI-Studie Stück für
Stück widerlegten, waren erforderlich, um den „Teufel“ zu korrigieren (mehr als
5:1). Selbstverständlich folgte der „Rest der Welt“ wie so oft den USA.
Für diejenigen von uns,
die relativ früh erkannten, dass die Verteufelung der HRT auf relativ schwachen
Beinen stand, war es äusserst schwierig, manche unserer Patientinnen vom Nutzen
der HRT zu überzeugen. Gegen den Mainstream (Medien, Gremien, Hausärzte,
Internisten) zu schwimmen, war schwierig. Dazu kamen Lieferengpässe, da die
Pharmafirmen natürlich auf die einbrechende Nachfrage reagierten.
Aufschlussreich ist, was
derzeit abläuft: In den USA stieg die Anzahl verkaufter Oestradiol-patches von
46.5 Mio. im Jahr 2020 auf mehr als 142 Mio.im Jahr 2025, wie das
„Wall Street Journal“ am 6.2.2026 berichtete: „Women are one patch away from
Menopause Relief – if only they could find it.“ Praktisch alle Anbieter
können momentan der enorm angestiegenen Nachfrage nicht nachkommen.
Das „WSJ“ lässt es Kik
Polo, eine Fotografin aus L.A., aussprechen: „I’d rather do without bread than
my Estradiol patch.“ Felicia Zigmann, 54 Jahre alt, die Östrogenpflaster
seit neun Monaten anwendet: „It’s become like the Ozempic of middle-aged women,
everybody is rushing to get their HRT.“ In den sozialen Medien werden Tipps
ausgetauscht, bei welchen Apotheken die Produkte erhältlich sind.
Vom Hype 2002 zum Hype 2026: „The times they’re changing.“ Bei uns ist die
Nachfrage nach kompetenter Betreuung bei Menopausenproblemen stark gestiegen,
was Ärztinnen und Ärzte, die noch in der Ära des „HRT: no good“ ausgebildet
wurden, vor neue Herausforderungen stellt.
Michael K. Hohl
Ich glaube, dass es nun weitläufig bekannt ist, dass Frauen nach Präeklampsie später im Leben ein erhöhtes Langzeitrisiko aufweisen, kardiovaskuläre Komplikationen zu entwickeln. Dieses Thema ist wichtig und wurde schon mehrmals in der FHA aufgenommen und diskutiert. Konzepte, diese Frauen in ein strukturiertes Nachsorgeschema einzubinden, sind aber noch rar oder noch nicht gut formuliert, und nicht alle Player sind sich ihrer Verantwortung bewusst. In den letzten Jahren sind mehrere wichtige Studien erschienen, welche sich der Frage gestellt haben, ob es Massnahmen gibt, dieses Risiko positiv modulieren, d. h. senken zu können. Dazu gehört die POP-HT-Studie (Physician-Optimized Postpartum Hypertension Treatment), eine randomisierte klinische Studie mit 220 Frauen nach Präeklampsie oder Gestationshypertonie, welche nach Austritt noch Antihypertensiva brauchten. Die Studie konnte zeigen, dass die Optimierung des postpartalen Blutdrucks v. a. in den ersten drei Monaten nach einer Geburt mit einer besseren kardialen Erholung (Remodelling) bis neun Monate postpartum assoziiert war (1).
Weniger bekannt ist die zerebrale Morbidität bei Hypertonie i.w.S., welche postpartal persistiert. Wir kennen natürlich das zerebrale Ödem mit Eklampsie, welche in einer relevanten Anzahl von Fällen noch postpartal auftreten kann. Präeklampsie ist aber auch ein wichtiger Risikofaktor für spätere neurologische Erkrankungen wie kognitive Probleme, ein um 70 % erhöhtes Schlaganfallrisiko, zerebrale Kleingefäßerkrankungen, Migräne und ein um 26 % erhöhtes Demenzrisiko (2, 3).
Aus der erwähnten POP-HT-Studie (1) wurden Frauen rekrutiert, welche etwa neun Monate nach Geburt noch ein Neuro-MRI erhielten. Die Radiologen waren „geblinded“, was die Gruppenzugehörigkeit – d. h. ob sie zur Routineblutdruckkontrolle oder zur intensivierten Überwachung mit antihypertensiver Behandlung meist mit einem ACE-Hemmer gehören – anbelangt (3). Frauen mit optimaler Blutdruckeinstellung hatten signifikant mehr weisse Hirnsubstanz gegenüber der Kontrollgruppe (Abb. 3). Interessanterweise waren die Volumina der Basalganglien (Putamen, Nucleus accumbens und das Pallidum) v. a. bei Zustand nach Präeklampsie signifikant grösser in der Interventionsgruppe (Abb. 4).
Diese Studie ergänzt unser Wissen, dass eine strengere Blutdruckkontrolle in der unmittelbaren postpartalen Phase mehreren Organen zugutekommt. Eine postpartale Intervention im Puerperium kann dem „Gehirn-Remodelling“ während einer kritischen Phase bei Frauen mit hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen zugutekommen. Tatsächlich war die Optimierung des Blutdrucks (Ziel: <130/80 mmHg) nach einer hypertensiven Schwangerschaft im ersten Jahr nach der Geburt mit größeren Gehirnvolumina verbunden. Da das Gehirnvolumen ein Surrogat für die Gehirngesundheit ist, das mit Gewebeerhaltung und kognitiven Ergebnissen verbunden ist, deuten diese Ergebnisse auf potenzielle neurovaskuläre Vorteile hin, die bei Frauen mit Präeklampsie am ausgeprägtesten waren.
Zukünftige Studien sollten untersuchen, ob die Intervention das Risiko für chronische Bluthochdruckentwicklung senkt und dadurch indirekt das Gehirn langfristig vor hypertoniebedingten Schäden schützt. Optimale Implementierungswege in der routinemäßigen Versorgung müssen noch definiert werden.
Literaturangaben
Kitt J et al. Circulation. 2024; 149:529–41.
DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.123.067597
Friss T et al. JAMA Neurol. 2025; 82:143–51
Lapidaire W et al. JAMA. 2026. JAMANeurol.doi
Luigi Raio
Die HPV-Impfung zur Rezidivprophylaxe nach Konisation wird seit vielen Jahren kontrovers diskutiert. In den letzten Monaten wurden zwei grosse Studien zu diesem Thema publiziert, die – leider – zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen.
Die VACCIN-Studie, eine multizentrische, doppelblinde, placebokontrollierte randomisierte Phase-4-Studie aus den Niederlanden, untersuchte, ob eine adjuvante Impfung mit dem nonavalenten HPV-Impfstoff nach einer LEEP-Konisation das Rezidivrisiko für eine CIN 2–3 senkt.
Eine retrospektive Kohortenstudie aus der Tschechischen Republik analysierte Daten aus 15 Jahren (2010–2024) von Frauen, die wegen CIN 2+ behandelt wurden, und untersuchte den Effekt einer prophylaktischen oder nach der Operation durchgeführten Impfung.
Was dürfen wir glauben?
Die VACCIN-Studie liefert als randomisierte
kontrollierte Studie (RCT) den höchsten Evidenzgrad (Level 1) für diese
Thematik. Sie wurde spezifisch entworfen, um die Wirksamkeit der Impfung zu
beweisen, und scheiterte daran. Die tschechische Studie ist dagegen eine
retrospektive Kohortenstudie, die zwar eine größere Datenbasis nutzt (über 10 000 Frauen
gegenüber 809 in der VACCIN-Studie), aber anfälliger für Verzerrungen (Bias)
ist. Unter anderem die Tatsache, dass in dieser Studie auch prophylaktische
Impfungen vor Konisation erfasst wurden, ist eine methodische Schwäche.
Interessanterweise zeigt auch die VACCIN-Studie einen Trend zugunsten der
Impfung (relative Risikoreduktion um etwa 33%). Die Frage ist, ob wir diese
Reduktion (von 8,6 % auf 5,7 %) als klinisch relevant werten, auch wenn sie
statistisch nicht signifikant war. Und vor allem: Würde sich dieser Effekt bei
einer grösseren Kohorte als stabil erweisen und Signifikanzniveau erreichen?
Kommentar
Die Autoren der
VACCIN-Studie mahnen zur Vorsicht bei der routinemäßigen Empfehlung einer
Impfung. Zu Recht, denn diese Studie liefert uns Daten mit hohem Evidenzgrad,
die wir nicht ignorieren sollten. Dennoch drängt sich der Eindruck auf: einige
wenige Patientinnen könnten vielleicht doch profitieren …
Literaturangaben
van de Laar RLO et al. Adjuvant prophylactic
human papillomavirus vaccination for prevention of recurrent high-grade
cervical intraepithelial neoplasia lesions in women undergoing lesion surgical
treatment (VACCIN): a multicentre, phase 4 randomised placebo-controlled
trial in the Netherlands. Lancet Obstet Gynaecol Womens Health 2025; 1: e37–46.
Petras M et al. Early and long-term effects of
prophylactic and post-excision human papillomavirus vaccination on recurrent
high-grade cervical intraepithelial neoplasia relative to margin status: a
retrospective cohort study in the Czech Republic. The Lancet Regional
Health – Europe 2025; 55: 101337.
Martin Heubner