Cannabis und mentale Gesundheit: Kein Nutzen, aber Risiken / Dysbiose bei überaktiver Blase / Aus PCOS wurde PMOS / Effekt von Prähabilitationsmassnahmen auf Komplikationsraten / Zervixkarzinom: globale Inzidenz-und Mortalitätsunterschiede / Schlechtes Outcome bei Bakteriämie und HWI / GLP-1-Rezeptoragonisten und Substanzkonsum / Intraoperative vs. funktionelle Komplikationen nach radikaler Hysterektomie / Zusammenhang zwischen Cannabis und Menopause-Symptomen / Einfluss des Stillens auf Übergewicht im Kindesalter / Risikofaktoren für sekundäre Sectio bei Zwillingen
In dieser Review wurde die Evidenz zu Effekten von Cannabis und Cannabinoiden auf häufige psychiatrische Erkrankungen zusammengefasst. Insgesamt besteht nur eine geringe bis sehr geringe Evidenz für einen Nutzen: THC-dominantes Cannabis zeigt keinen überzeugenden Effekt bei Posttraumatischer Belastungsstörung, Depression oder Angststörungen, während für CBD begrenzte Hinweise auf eine anxiolytische Wirkung bestehen. Demgegenüber sind die Risiken gut dokumentiert: Cannabis ist mit einer Verschlechterung bipolarer Verläufe, einer Zunahme psychotischer Symptome sowie einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Psychosen assoziiert, insbesondere bei Jugendlichen und bei hoher THC-Exposition. Zudem entwickeln etwa 30 % der Konsumierenden eine Cannabisgebrauchsstörung. Kognitive Beeinträchtigungen betreffen insbesondere Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Exekutivfunktionen und sind dosisabhängig. Insgesamt betonen die Autoren die Bedeutung einer evidenzbasierten ärztlichen Beratung und die Identifikation von Risikogruppen (Kansagara D et al., JAMA Intern Med [2026] doi: 10.1001/jamainternmed.2025.8215).
Kommentar
Es ist immer spannend,
wenn eine Arbeit die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Evidenz
klar aufzeigt. Wichtig ist aber die differenzierte Betrachtung von THC versus
CBD.
Michael D. Mueller
Eine kürzlich publizierte Studie hat das Blasenmikrobiom bei Frauen mit hyperaktiver Blase (Reizblase; OAB) untersucht und herausgefunden, dass eine Dysbiose mit deutlicher Verminderung der Laktobazillen vorliegt – ein Grund mehr, therapeutisch auch bei diesem Krankheitsbild an eine Unterstützung des natürlichen Mikrobioms zu denken (Koch M Umek W, Makristathis A, Bela Hausmann et al. Altered microbial colonization of the urogenital tract in female overactive bladder syndrome. Am J Obstet Gynecol. 2026 Jun;234[6]:1662–70. doi: 10.1016/j.ajog.2026.02.023. Epub 2026 Feb 17).
Annette Kuhn
Der Begriff des „Polycystischen Ovar
Syndroms, PCOS“ wird schon seit vielen Jahren von Fachleuten wie auch
Betroffenen kritisiert.
Ein Grund ist offensichtlich: PCOS weist
auf pathologische Cysten hin, die in Tat und Wahrheit „normale“ während der
Reifung arretierte Follikel sind. Dadurch werden nicht nur Patientinnen
verunsichert, sondern die wahre Problematik oft übersehen und die Diagnose
regelhaft über Jahre verzögert (offenbar bleiben 70 % der Betroffenen
undiagnostiziert). Irregeleitet durch den Begriff „polycystisch“. Tatsächlich
handelt es sich um ein metabolisches Syndrom, von dem global ca. 170 Mio.
Frauen betroffen sind.
Die Neudefinition als „Polyendokrines
metabolisches Ovarsyndrom“ soll die Ärzteschaft auf die wahre Problematik
hinweisen und den Betroffenen so rascher zu einer Diagnose und dann natürlich
Therapie helfen (Teede HJ et al. Polyendocrine metabolic ovarian syndrome, the
new name for polycystic ovary syndrome: a multistep global consensus. Lancet
2026 doi.org/10.1016/S0140-6736[26]00717-8).
Kommentar
Namen sind eben nicht
nur Schall und Rauch, sondern auch Programm. Es ist zu hoffen, dass durch den
neuen Begriff weniger Frauen undiagnostiziert bleiben und rascher einer
zielgerichteten Therapie zugeführt werden können.
Michael K. Hohl
In einer Metaanalyse (23 Studien, über 2000 Pat.) zeigte die Kombination vor Ernährungsoptimierung und körperlichem Training zudem Auswirkungen auf die Spitalaufenthaltsdauer. Vor allem das Training zeigte auch einen positiven Effekt auf die Lebensqualität. Cascavita C et al., Exercise-Based and Nutrition-Based Prehabilitation Programs in Surgery: A Systematic Review and Meta-Analysis. JACS 2026 (April 29, online)
Martin Heubner
Eine populationsbasierte Analyse auf Basis von GLOBOCAN-2022-Daten hat die globale Krankheitslast des Zervixkarzinoms sowie Trends und Projektionen bis 2050 untersucht. Im Jahr 2022 wurden weltweit rund 662 301 Neuerkrankungen und 348 874 Todesfälle registriert. Die altersstandardisierte Inzidenz und Mortalität variieren stark zwischen Regionen, mit der höchsten Belastung in Subsahara-Afrika. Ein klarer inverser Zusammenhang besteht zwischen Krankheitslast und dem sogenannten Human Development Index (HDI). Während in vielen Ländern langfristig rückläufige Trends beobachtet wurden, zeigen einige Hochlohnländer zuletzt wieder steigende Inzidenzen (zum Beispiel Japan, Schweden, Holland und Frankreich). Modellierungen zeigen, dass zur Erreichung der WHO-Eliminationsschwelle (<4/100 000) jährliche Reduktionen der Inzidenz von mindestens 3–4 % in Ländern mit hohem HDI erforderlich sind, während Länder mit niedrigem und mittlerem HDI selbst bei 5 % jährlicher Reduktion das Ziel voraussichtlich verfehlen werden. Son Y. et al., Int J Gynecol Cancer (2026); 36:102751.
Kommentar
Die Arbeit bestätigt eindrücklich, dass das Zervixkarzinom primär ein
Problem globaler Gesundheitsungleichheit ist. Während in der Schweiz die
Inzidenz des Zervixkarzinoms mit 4,5/100 000 Frauen pro Jahr nahe der
WHO-Eliminationsschwelle von 4/100 000 liegt, steigt die Inzidenz in
Hochlohnländern, wahrscheinlich ein Hinweis auf Defizite in Impf- und
Screening-Programmen. Strategisch entscheidend sind vereinfachte Impfprogramme
und niedrigschwellige Screeningmethoden. Ohne strukturelle, global koordinierte
Maßnahmen bleibt die Elimination unrealistisch.
Michael D. Mueller
Die vorliegende Studie hat retrospektiv das
Outcome von Personen mit und ohne Bakteriämie bei Harnwegsinfektionen
analysiert und herausgefunden, dass jene Personen mit Bakteriämie einen
längeren Spitalaufenthalt, erhöhte CRP-Werte und ein höheres Risiko für
Mortalität hatten.
Multiresistente Keime spielten hier eine
grosse Rolle in der Gruppe der Personen mit Bakteriämie – ein weiterer
Grund, auf lokale Resistenzentwicklungen zu achten.
Polyzou E Tsoupra S
Gavatha M et al. Bacteremic versus Non-Bacteremic Urinary Tract Infections:
Predictors of Poor Clinical Outcome Rom J Intern Med 2026 Jan 3;64(1):3-12.
doi: 10.2478/rjim-2025-0025. eCollection 2026 Mar 1.
Annette Kuhn
In einer monumentalen Studie des US-Departments of Veterans Affairs wurden Pat. mit Diabetes Typ 2 verglichen: Die Therapiegruppe (524 817 Pat.) erhielt einen GLP-1-Receptoragonisten, die Kontrollgruppe (400 816 Pat.) ein anderes Diabetesmittel. Der Follow up war drei Jahre. Bei Pat. ohne Abhängigkeitsanamnese war das Risiko einer Abhängigkeit für Alkohol 18 % niedriger, 20 % bei Nikotin und 25 % bei Opiaten. Bei Pat mit anamnestischer Abhängigkeit waren die Unterschiede noch eindrücklicher: Ein 50 % niedriges Todesrisiko wegen Substanzmissbrauch, 31 % weniger Notfallaufnahmen und 30 % weniger Hospitalisationen wegen der beschriebenen Noxen. (Cai, M. et al. BMJ 2026 ; 392: e086886)
Kommentar
Experten vermuten eine
direkte Wirkung der GLP-1-Agonisten auf das ZNS vermutlich über den
Dopaminstoffwechsel. Fast endlos erscheinen
neue Mitteilungen über positive „Neben“effekte dieser Wirkstoffe, die auf dem
Weg zur Megadroge schlechthin sind.
Michael K. Hohl
Diese systematische Übersichtsarbeit
randomisierter Studien zeigt, dass die abdominale radikale Hysterektomie mit
einer niedrigen Rate intraoperativer urologischer Komplikationen
(Blasenverletzung 0,2 %, Ureterverletzung 0,3 %) verbunden ist, jedoch ein
relevantes Risiko für postoperative strukturelle und funktionelle Morbidität
besteht. In zehn Studien mit 1247 Patientinnen lagen strukturelle
Komplikationen wie Fisteln (0,3–5,7 %) und Ureterobstruktion/Hydronephrose
(8,2–11 %) sowie funktionelle Störungen wie Harnverhalt oder Blasenatonie
(6,7–12,3 %) und Inkontinenz
(1,7–11 %) in klinisch relevanten Bereichen. Besonders auffällig ist der
Zusammenhang mit adjuvanter Radiotherapie, die das Risiko struktureller
Komplikationen deutlich erhöht. Die Heterogenität der Definitionen und
Erhebungsmethoden verhinderte jedoch eine gepoolte Analyse für postoperative
Komplikationen. Insgesamt unterstreichen die Daten die Bedeutung
standardisierter Berichterstattung sowie nervenschonender Techniken zur
Reduktion funktioneller Langzeitfolgen.
Ferreira Marucci da
Silva G. et al. Int J Gynecol Cancer (2026); 36:102722
Kommentar
Die Arbeit unterstreicht
die Bedeutung nervenschonender Operationstechniken und weist erneut darauf hin,
dass die Kombination aus Operation und Radiotherapie mit der höchsten
Komplikationsrate verbunden ist. Dank der Identifikation der
Sentinel-Lymphknoten und deren intraoperativer Schnellschnittbeurteilung können
Patientinnen, die eine Radiotherapie benötigen, in der Regel bereits während
der Operation erkannt werden.
Michael D. Mueller
In einer US-amerikanischen Studie mit über
5000 befragten Frauen zeigte sich dies. Die Autoren nehmen an, dass dieser
Effekt durch eine Selbstmedikation typischer menopausaler Symptome verursacht
wird.
Regular Cannabis Use
Linked to Multiple Symptoms of Menopause – Medscape – May 05, 2026.
Martin Heubner
(Leth-Moller M et al. Am J Clin Nutr. 2025; 121:835–42)
Kommentar
Dass Stillen viele positive Einflüsse hat auf die gesunde Entwicklung des
Kindes und auch der Mutter ist unbestritten. Dass es auch die beste Ernährung
ist, zeigt auch diese dänische longitudinale Studie. Kinder, welche postnatal
ein beschleunigtes Wachstum gezeigt haben, wurden signifikant häufiger kürzer
oder gar nicht gestillt und somit mehr mit Säuglingsnahrung gefüttert. Hingegen
war ein beschleunigtes Wachstum bei Kindern, welche Muttermilch geniessen
durften, nicht mit späterem Übergewicht assoziiert. Künstliche Säuglingsmilch
scheint somit gewisse Probleme im Hinblick auf spätere metabolische Störungen
zu haben.
Luigi Raio
(Papier M. et al. BMC Pregnancy Childbirth (2026). https://doi.org/10.1186/s12884-026-09005-4)
Kommentar
In dieser retrospektiven Kohortenstudie wurden aus 5530 Zwillingen
innerhalb von 20 Jahren 2730 Fälle in die Studie aufgenommen. Die
Einschlusskriterien waren Gestationsalter zwischen 32 und 40 +
6 Wochen und biamniote Zwillinge mit führendem Kind in Schädellage. Der
stärkste negative und unabhängige Faktor für eine sekundäre Sectio war die
Primiparität mit einer adjustierten OR von 5.81 (95% CI: 2.67–12.63). Die
häufigsten Gründe für eine sekundäre Sectio waren Dystokie und V. a. fetal
distress. In 6.8% musste beim zweiten Zwilling eine Sectio durchgeführt werden.
Ab Zweitparität aufwärts erreichten die Kollegen aus Israel eine vaginale
Geburtenrate zwischen 95 und 98%. Die Gewichtsdiskordanz zwischen den Feten
>25% war kein Problem und auch nicht SGA des führenden oder des folgenden
Kindes.
Luigi Raio