Recht(s)schreibung?
Leider fürchte ich, bei unseren AssistentInnen und OberärztInnen (… und vielleicht auch nicht nur bei denen …) den recht zweifelhaften Ruf eines Rechtschreibe-Nerds zu haben.
Bei Vorträgen, Facharztprüfungen, Grant-Einreichungen etc. bekomme ich sehr oft vorher die entsprechenden Dokumente geschickt mit Bitte um Durchsicht, Korrektur etc. Bei Probevorträgen weiss jeder, dass ich akribisch auf Rechtschreibung – genau, Rechtschreibung und nicht Rechtsschreibung, wie neulich in einer namhaften Tageszeitung gesehen – und Interpunktionsfehler achte.
Woher diese Marotte kommt, kann ich Ihnen nicht sagen. Sicherlich hat meine schulische Ausbildung in England da einen grossen Einfluss gehabt, obwohl man im Englischen deutlich weniger Kommata setzt als im Deutschen. Trotzdem – der berühmte Satz „Eats shoots and leaves“ bekommt tatsächlich durch das Setzen von nur einem einzigen Komma eine völlig andere Bedeutung: „Eats, shoots and leaves“. Bei Ersterem handelt es sich wahrscheinlich um einen Koalabären, der Sprossen und Blätter mampft, bei Letzterem eher um Lucky Luke, der etwas isst, dann schiesst und darauf den Raum verlässt.
Rechtschreibefehler auf Dias beleidigen das Auge, lassen auf eine gewisse Schludrigkeit schliessen und stören mich. Nicht dass ich davon frei wäre – in eigenen Präsentationen ist es für mich eine Situation, die mir die Schamesröte ins Gesicht treibt, wenn ich beim Präsentieren merke, dass es vielleicht doch nicht so eine gute Idee war, die letzte Version des Vortrages um zwei Uhr morgens zu machen. Irgendwie finde ich das auch dem Publikum gegenüber respektlos, Fehler in meiner Präsentation zu haben.
Schreibfehler können tatsächlich dramatische Folgen haben.
Die Raumsonde Mariner 1 sollte 1962 zur Erforschung der Venus aufbrechen, um deren Atmosphäre und Oberfläche zu untersuchen. Rund 293 Sekunden nach dem Start wich die Rakete von ihrem Kurs ab, sodass sich der Sicherheitsoffizier gezwungen fühlte, die Sonde über dem Atlantischen Ozean fernzuzünden und damit zu zerstören. Was war die Ursache für die Kursabweichung? In den handschriftlichen Gleichungen, mit denen die nötigen Kurskorrekturen bestimmt wurden, fehlte ein Strich über einem „R0“. Übertragen in Computercode bewirkte dies, dass die Rakete nicht korrekt manövrieren konnte. Der Schreibfehler ging in die Geschichte der NASA ein als teuerster Strich, der jemals in einem Schriftstück vergessen wurde: Die Kosten für die missglückte Mission betrugen 18,5 Millionen US-Dollar.
Wahrscheinlich wäre das heute mit KI nicht passiert. Word unterkringelt uns Wörter oder Sätze, die komisch aussehen, digitale Geräte ergänzen uns Wortanfänge, jeder kennt die Autokorrektur bei SMS oder WhatsApp, die uns manchmal aber auch ganz schön fehlleiten kann, unsere Aufmerksamkeit ist also dennoch gefragt.
Sollte man sich trotz KI die Mühe machen, eine gute Rechtschreibung zu pflegen und zu erlernen? Überhaupt: Stimmt es, dass Rechtschreibung an Bedeutung verloren hat?
Ich persönlich finde – trotz aller Bewunderung für KI und deren cleane Kreatitivität, die selbstverständlich niemals die skurrilen Gestalten eines Dostojewskis oder die furchterregenden Situationen eines Kafkas ersetzen kann –, dass die aktuellen Statistiken, die die deutschen Schreibfähigkeiten von Schülern der 6. Klasse untersuchen und gefunden haben, dass nur knapp die Hälfte fähig ist, sich schriftlich in der deutschen Sprache halbwegs korrekt auszudrücken, katastrophal sind.
Die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 hatte das Ziel, die deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen, Grossbuchstaben nur noch am Anfang des Satzes und für Namen zu benutzen, wie das auch in der englischen und französischen Sprache üblich ist.
Nach vorübergehendem Chaos rettete Hans Zehetmair, ein einflussreicher Politiker und Rechtscheibepapst, die Situation als Vorsitzender des Rats für deutsche Rechtschreibung und führte die zerstrittenen Lager der Kritiker, Verlage und Sprachwissenschaftler wieder zusammen.
Wir sehen, die Auseinandersetzung mit der Rechtschreibung ist absolut nicht neu.
KI wird uns sicherlich helfen, immer besser zu werden, aber ich denke, wir müssen uns auch ohne KI bemühen, schöne und fehlerfreie inhaltsreiche Texte zu produzieren. Interpunktion hilft uns, den Sätzen den korrekten Sinn zu geben, und ich finde die Regeln ehrlich gesagt auch ganz spannend.
Wir sind diesen und anderen Fragen nachgegangen. Etwa bei einem 91-Jährigen, der die deutschen Großbuchstaben gerettet hat. Bei einem Politiker, der schlecht schreiben, aber sehr gut formulieren kann. Und bei all jenen, die wissen, was da im Kopf und auf dem Papier passiert, wenn man korrektes Schreiben lernt.