Olympia
Wir alle zeichnen uns aus durch persönliche Vorlieben, Abneigungen oder indifferente Haltungen. Weitgehend indifferent war ich über die letzten Jahrzehnte gegenüber sportlichen Grossereignissen wie den olympischen Spielen. Passives Verfolgen von Sportarten vor dem Bildschirm, das war noch nie mein Ding. Medaillenspiegel verfolgen? Irgendwie fehlt mir dafür das entsprechende Gen. Mit Kindern wird dann aber alles wieder anders. Kindliche Begeisterung für bestimmte Disziplinen kann ansteckend sein. Viele sogenannte Fun-Sportarten sind nun olympisch und bereichern die Wettkampflandschaft. Wenn Freestyle-Snowboarder sechsfache Drehungen im Sprung vollführen, ist das ohne Frage beeindruckend. Allerdings fragt man sich a) ob die Schwerkraft eigentlich eine optionale Angelegenheit ist, b) nur mein visueller Cortex nicht genug Megahertz hat, um ohne Zeitraffer diese Bewegungen nachzuvollziehen, und vor allem c) wie man seine Söhne unter allen Umständen davon abhält, so etwas selber auszuprobieren.
Und so sitze ich plötzlich doch vor dem Bildschirm. Nicht wegen des Medaillenspiegels, nicht aus Patriotismus und schon gar nicht aus sportlicher Leidenschaft – sondern wegen dieser ansteckenden, ungefilterten Begeisterung neben mir. Ich lerne, dass die Schwerkraft offenbar verhandelbar ist, dass mein visueller Cortex tatsächlich nicht für sechsfache Drehungen ausgelegt wurde und dass elterliche Gelassenheit eine Disziplin für sich darstellt – leider noch nicht olympisch.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Magie solcher Grossereignisse: Sie verwandeln Indifferenz in geteiltes Staunen. Und während irgendwo Athletinnen und Athleten durch die Luft wirbeln, vollführe ich innerlich meine ganz eigene Kür – zwischen Faszination, Respekt und der leisen Hoffnung, dass meine Söhne ihre akrobatischen Ambitionen zunächst auf das heimische Trampolin beschränken.
Für die Herausgeber
Martin Heubner