Wussten Sie schon

Erhöhtes Analkarzinomrisiko bei Zervixkarzinom-Überlebenden / Wie Kunstbetrachtung das Gehirn beeinflusst / Geografische Unterschiede im vaginalen Mikrobiom / Mortalitätsrisiko: Chirurgie vs. andere Fachrichtungen / Zoster-Impfung: Mehr als Gürtelroseschutz / Cannabis-Einfluss auf weibliche Fertilität / Hohe Folsäurekonzentration erhöht Gestationsdiabetes-Risiko / Hormonersatztherapie Einfluss auf Depression und Angst / Belastungsinkontinenz: Wirkung von vaginalem appliziertem DHEA / Körperliche und psychische Gesundheit in Relation zur Frühstückszeit bei älteren Erwachsenen

… dass Zervixkarzinom-Überlebende ein deutlich erhöhtes Risiko für ein Analkarzinom haben – und dass dieses Risiko sowohl mit dem Alter als auch mit der Zeit seit der Erstdiagnose ansteigt?

Eine groß angelegte Analyse über 85 500 Frauen mit anamnestischem Zervixkarzinom über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren. Dabei wurden 64 Fälle von Analkarzinomen identifiziert. Besonders bemerkenswert ist der altersabhängige Anstieg der Inzidenz: Während Frauen ≤45 Jahre eine Rate von 2,4 pro 100 000 Personenjahre aufwiesen, stieg diese in der Altersgruppe von 65 bis 74 Jahren auf 17,6 pro 100 000 an. Zudem zeigte sich eine klare zeitliche Komponente: Frauen, deren Zervixkarzinomdiagnose mehr als 15 Jahre zurücklag, hatten ein erhöhtes Risiko gegenüber jenen mit kürzerem Verlauf. Da beide Entitäten durch HPV verursacht werden, ist der Zusammenhang biologisch plausibel. Die neuen Daten liefern jedoch wichtige Hinweise zur Dynamik des spät auftretenden Risikos und unterstreichen, dass latente HPV-assoziierte Zellveränderungen über viele Jahre persistieren können [Damgacioglu H et al., JAMA Network Open (2025); https://doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.31362].

Kommentar
Der Artikel verdeutlicht eindrücklich, dass HPV-assoziierte Zweitmalignome nicht nur theoretisch möglich, sondern klinisch relevant sind – selbst Jahrzehnte nach der Primärdiagnose!

Michael D. Mueller

…. dass die Betrachtung von Kunstwerken unser Gehirn beeinflusst?

Forscher der Columbia-Universität benutzten funktionales MRI (fMRI), um festzustellen, was im Gehirn von Probanden vorgeht, die Bilder betrachten. So testeten sie den sog. „Beholders Share“ (Anteil des Betrachters). In diesem Set-up war der „Beholders Share“ definiert als die Dissimularität der fMRI-Darstellungen zwischen den Gesten beim Betrachten der gleichen Gemälde. Sie fanden, dass Unterschiede bestehen je nachdem, ob es sich um konkrete oder abstrakte Gemälde handelte. Die Untersuchten zeigten eine viel subjektivere d.h. viel unterschiedlichere Reaktion der Gehirnregionen bei abstrakten Bildern, und zwar in den Hirnregionen, die mit dem „Default Mode Netzwerk“ assoziiert sind.
Das „Default Mode Network“ (DMN) ist ein Netzwerk von Gehirnregionen, das vor allem aktiv ist, wenn wir keinen Fokus auf äußere Aufgaben haben aber z.B. tagträumen, in uns selbst versunken sind oder über uns oder andere sinnieren. Es spielt eine wichtige Rolle bei der Selbstreflexion, Erinnerungen und unserer Vorstellungskraft. Wenn wir uns auf bestimmte Aufgaben konzentrieren, wird das DMS hingegen eher heruntergefahren (Dunkin C et al., PNAS 2025, 122: e2413871122).

Kommentar
Der „Beholders Share“ ist eine psychologische Theorie in der Kunstwelt. Sie besagt, dass ein Teil des Kunstwerks im Kopf des Betrachters entsteht. Das Kunstwerk wird erst vollendet durch seine Betrachtung. „The beauty is in the eye of the beholder“. Das heisst, jedes Individuum bringt seine eigenen „WEIBs“ (Wertvorstellungen, Erwartungen, Interessen, Bedürfnisse [nach Rupert Lay]) ein, was seine Wahrnehmung beeinflusst. Dies ist ja ein Merkmal der Theorie des Konstruktivismus: Jeder kreiert seine eigene Welt. Alle Sinneseindrücke passieren, bevor sie „wahr“-genommen werden, u.a. das Zentrum der Emotionen (limbisches System), bis sie in den Kortex gelangen, wo sie dann für jedes Individuum mehr oder weniger anders „wahr“-genommen werden.
Konsequent umgesetzt sollte man sich die Aussage „das Bild ist schön“ verkneifen. Sicher sozialverträglicher und auch korrekter wäre: „Dies Bild gefällt mir/nicht“ (gilt eigentlich für alles, insbesondere auch für Politisches, und ist die grundlegende Basis für Toleranz, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren kann).

Abb. 1 und Abb. 2

Michael K. Hohl

… dass das vaginale Mikrobiom auch geografische Unterschiede zeigt?

Eine kürzliche Studie zeigte, das afrikanische und lateinamerikanische Frauen weniger Laktobazillen im vaginalen Mikrobiom haben als europäische oder asiatische Frauen. Die genaue Bedeutung hierfür ist aktuell an zahlreichen Orten Gegenstand der Forschung (Trends Microbiol. 2025 Nov; 33(11):1163–72. doi: 10.1016/j.tim.2024.12.012. Epub 2025 Feb 6).

Annette Kuhn

… dass Chirurginnen und Chirurgen eine signifikant höhere Mortalität aufweisen als andere Ärztinnen und Ärzte?

Eine aktuelle Analyse der nationalen Sterberegisterdaten 2023 zeigt, dass die alters- und geschlechtsadjustierte Mortalitätsrate bei Chirurgen 355 Todesfälle pro 100 000 Personen beträgt – deutlich höher als bei nicht-chirurgisch tätigen Ärztinnen und Ärzten (228/100 000; MRR 1,56). Während das Sterberisiko mit anderen hochgebildeten Berufsgruppen wie Juristen oder Ingenieuren vergleichbar ist, liegt es dennoch unter jenem der Gesamtbevölkerung. Auffällig ist, dass Neoplasien bei Chirurgen mit 193/100 000 die häufigste Todesursache darstellen und doppelt so häufig auftreten wie bei nicht-chirurgischen Kolleginnen und Kollegen. Zudem rangieren Verkehrsunfälle, Hypertonie und sogar tätliche Angriffe unter den zehn führenden Todesursachen, was auf berufsbedingte Belastungen wie lange Arbeitszeiten, Stress und erhöhtes Expositionsrisiko hindeutet. Kritisch zu betrachten ist, dass die Daten nur ein Jahr umfassen und auf Angaben aus Totenscheinen beruhen. Dennoch weist die Studie auf relevante, bislang unterschätzte Gesundheitsrisiken im chirurgischen Berufsalltag hin (Patel VR et al., JAMA Surg 2025; https://doi:10.1001/jamasurg.2025.2482).

Michael D. Mueller

… dass die Varicella Zoster Impfung vermutlich nicht nur vor Gürtelrose, sondern auch vor Demenz schützt?

In einer US-Langzeitstudie mit Einschluss von über 100 Millionen Menschen konnte eine konsistente Assoziation von rezidivierenden Herpes zoster-Episoden mit der Entwicklung von Demenz sowie ein schützender Effekt von HZ-Vakzinen nachgewiesen werden. 400 mögliche Kofaktoren (v.a. demographisch, aber auch Komorbiditäten, Begleitmedikation) wurden statistisch kontrolliert. Eine Risikoreduktion von ca. 30% für das Auftreten von Demenz konnte nach drei Jahren beobachtet werden. Es ist noch unklar, auf welche Art HZ zu einem Auftreten respektiver Progression von Demenz beiträgt (Polisky V et al., Varicella-zoster virus reactivation and the risk of dementia. Nat Med 2025).

Martin Heubner

… dass Cannabis – insbesondere sein Wirkstoff THC – direkt die menschliche Eizelle erreicht und deren Reifung, genetische Stabilität und Entwicklungspotenzial beeinträchtigen kann?

Frühere Studien haben gezeigt, dass Tetrahydrocannabinol (THC) und seine Metaboliten die Ovarialfollikel erreichen können und damit potenziell die Umgebung verändern, in der sich Eizellen entwickeln und heranreifen. Laut den Ergebnissen einer in Nature Communications kürzlich veröffentlichten Studie beeinflusst THC nicht nur die Eizellreifung, sondern verursacht auch chromosomale Ungleichgewichte.

In einer Fall-Kontroll-Studie konnte gezeigt werden, dass die THC-Konzentration in der Follikelflüssigkeit positiv mit der Eizellreifung korreliert und dass THC-positive Patientinnen im Vergleich zu ihren gematchten Kontrollen signifikant niedrigere Embryo-Euploidieraten aufweisen. In vitro konnte ein ähnlicher, jedoch nicht signifikanter Anstieg der Eizellreifungsrate nach THC-Exposition sowie eine veränderte Expression zentraler Gene, die an der Remodellierung der extrazellulären Matrix, an Entzündungsprozessen und an der Chromosomentrennung beteiligt sind, beobachtet werden.

Darüber hinaus führt THC zu Fehlern in der chromosomalen Segregation der Eizellen und zu einer Zunahme abnormaler Spindelmorphologien. Die Studie hebt potenzielle Risiken des Cannabiskonsums für die weibliche Fertilität hervor (Duval C et al., Nature communications 2025; https://doi.org/10.1038/s41467-025-63011-2).

Kommentar
Die Arbeit ist wissenschaftlich bemerkenswert, da sie klinische Evidenz und funktionelle Mechanismen überzeugend verbindet. Selbst moderate THC-Exposition führt zu einer potenziellen Gefährdung der weiblichen Fertilität.

Michael D. Mueller

… dass höhere Folsäurekonzentrationen die Inzidenz eines Gestationsdiabetes erhöhen (Jankovic-Karasoulos T et al., Nutrients 2025, 17, 2863. https://doi.org/10.3390/ nu17172863)

Kommentar
Interessanter Zusammenhang zwischen einer Folsäureüberdosierung und der Störung des Glukosestoffwechsels. Diese Studie stammt aus Australien, wo die Folsäure in der Ernährungskette angereichert wird! Die Autoren erklären sich diese Resultate mit der zusätzlichen Veränderung von Plazentahormonen und -peptiden in der Gruppe mit hoher erythrozytärer Folsäurekonzentration. Diese Assoziation wird aber noch wenig verstanden.

Luigi Raio

… dass sich eine transdermale Hormonersatztherapie günstig auf das Risiko für Depression und Ängstlichkeit auswirken kann?

Auf dem Jahreskongress der Menopause Society in Orlando (FL) wurden die Ergebnisse einer Studie vorgestellt, in der 3800 Patientinnen unter einer HRT hinsichtlich unterschiedlicher Faktoren (Adipositas, KHK, Depression, Ängstlichkeit, M. Alzheimer) untersucht wurden. Es zeigte sich, dass Patientinnen unter transdermaler Östrogenapplikation im Vergleich zur oralen Applikationsform geringere Raten an Depression (3.3% vs. 5.1%) und Ängstlichkeit (7.2% vs. 9.1%) zeigten. Die Unterschiede waren statistisch signifikant. Es ist unklar, ob dieser Effekt durch den First-Pass-Metabolismus von oralen Östrogenen mit seinen Auswirkungen auf Lipidstoffwechsel, Inflammationsmarker und Gerinnungsfaktoren erklärt werden kann (The Menopause Society. Meta-analysis: Oral or Transdermal Hormone Therapy? The Mental Health Risks Are Not the Same. Press release. October 21, 2025. Accessed Dec 1, 2025).

Martin Heubner

… dass vaginal appliziertes DHEA eine Belastungsinkontinenz verbessern kann?

Eine aktuelle kleinere Studie hat nach 12-wöchiger vaginaler Gabe DHEA eine deutliche Verbesserung von Belastungsinkontinenz, Lebensqualität und Stärke des Beckenbodens gezeigt (Maturitas, 2025, May, 196: 108232. doi: 10.1016/j.maturitas.2025.108232. Epub 2025 Mar 1).

Annette Kuhn

… dass spätere Frühstückszeiten bei älteren Erwachsenen konsistent mit körperlichen und psychischen Erkrankungen sowie einem höheren Sterberisiko in Zusammenhang stehen?

Spätere Essenszeiten – insbesondere ein späteres Frühstück – waren in einer Beobachtungsstudie mit schlechteren Gesundheitsoutcomes bei älteren Erwachsenen verknüpft. Eine longitudinal angelegte Studie untersuchte 2945 ältere Erwachsene über bis zu 34 Jahre hinweg und analysierte Veränderungen der Mahlzeitenzeiten sowie deren gesundheitliche Bedeutung. Die selbst berichteten Daten zeigten, dass mit zunehmendem Alter sowohl Frühstück als auch Abendessen tendenziell später eingenommen wurden. Teilnehmende, die ihr Frühstück später am Tag assen, berichteten häufiger über Müdigkeit, depressive Symptome und eine höhere Krankheitslast. Ein späteres Frühstück war zudem mit einem erhöhten Sterberisiko assoziiert.

Kürzere tägliche Essensfenster – ebenfalls häufiger bei älteren Erwachsenen – standen im Zusammenhang mit negativen gesundheitlichen Auswirkungen wie Angstzuständen und Problemen der Mundgesundheit.

Die Studie konnte keine Kausalität feststellen, und die Forschenden vermuteten, dass eher der Beginn von Erkrankungen zu Veränderungen im Essensrhythmus führt als umgekehrt. Künftige Forschung sollte das Potenzial der Essenszeiten als Gesundheitsindikator im höheren Lebensalter weiter untersuchen (Dashti HS et al., https://doi.org/10.1038/s43856-025-01035-X).

Kommentar
Das ist häufig die Frage bei epidemiologischen Studien: War zuerst das Huhn oder zuerst das Ei?

Michael D. Mueller

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