Fertility Gap in der Schweiz – was können Arbeitgeber tun, Herr Schick?
Bei einer Umfrage unter den Paaren des Kinderwunschzentrums Baden stellten wir fest, dass 70 % der berufstätigen Frauen Probleme hatten, die Termine in unseren Sprechstunden mit ihrem Arbeitsplatz zu vereinbaren, 20 % der Frauen gaben die aktuelle Arbeitsstelle auf oder nahmen sich eine Auszeit. Wir haben dies zum Anlass genommen, mit Unternehmen in unserem Einzugsgebiet Kontakt aufzunehmen (Abb. 1), um diese für die Problematik zu sensibilisieren und zu motivieren, das Problem proaktiv anzugehen.
Die Firma Merck hat als erstes Unternehmen in der Schweiz sogenannte Fertility Benefits für ihre Mitarbeitenden eingeführt. Darüber hinaus setzt sie sich für eine verbesserte reproduktive Gesundheit in der Schweiz ein und hat – mitunter – gemeinsam mit anderen Partnern die Initiative „Family Forward“ lanciert. Im Dialog mit Florian Schick, bis vor Kurzem President Merck Switzerland – und heute Geschäftsführer der Merck Healthcare Germany GmbH – wollten wir über den „Fertility Gap“ in der Schweiz sprechen.
Lena Feusi, Klinikmanagerin Kinderwunschzentrum Baden, Prof. med. Michael K. Hohl für Frauenheilkunde aktuell:Florian Schick, können Sie uns schildern, wie es überhaupt zur Entscheidung kam, Fertility Benefits für Ihre Mitarbeitenden anzubieten?
Florian Schick: Die Idee kam ursprünglich von unseren Mitarbeitenden, genauer gesagt aus einer unserer sogenannten „Employee Resource Groups“ – freiwillige, mitarbeitergeführte Gruppen, die an der kontinuierlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Gleichstellung arbeiten. Im Kontext von Überlegungen zu Familienplanung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf kam dieser Vorschlag an das Management auf.
Der Trend kam ursprünglich aus den USA, wo Tech-Giganten wie Apple solche Benefits einführten. Merck – Pionierin im Bereich Unfruchtbarkeitsbehandlungen – ist eine der ersten Firmen aus und in der Schweiz, die Fertility Benefits anbieten. Nach rund zwei Jahren können wir das positive Fazit ziehen, dass die Mitarbeitenden die Leistungen beanspruchen und sie die Benefits sehr schätzen.
Wir sind der Meinung, dass Arbeitgeber eine wichtige Rolle spielen, ihre Mitarbeitenden bei der Familienplanung – wie auch in wichtigen anderen Phasen des Lebens – zu unterstützen. Durch das Setzen solcher Zeichen sorgen wir für dafür, dass Mitarbeitende am Arbeitsplatz sie selbst sein können, und positionieren uns auch als progressive Arbeitgeberin. Die Fertility Benefits sind jedoch nur ein Paket von vielen. Wir pflegen generell eine starke Fürsorgekultur innerhalb des Unternehmens.
Wie sieht das
Angebot konkret aus – welche Leistungen werden finanziell unterstützt?
Das Angebot ist sehr breit und umfasst
von der Testung über Beratungsgespräche bis hin zu Behandlungen das gesamte
Spektrum. Der gesamte Prozess ist komplett anonym. Die Mitarbeitenden können
Leistungen in einer Klinik oder Praxis ihrer Wahl beziehen und die Rechnung
einreichen – ohne Vorgaben und ohne Bedingungen. Dies gilt übrigens ab
Tag 1 bei Stellenantritt und nicht nur für die Mitarbeitenden, sondern
auch für deren Partner:innen.
Wie wurde das
Angebot intern kommuniziert und aufgenommen?
Das Angebot wurde zu Beginn 2024
initiiert und schrittweise über alle Länder ausgerollt, in denen Merck
vertreten ist – die Schweiz war eines der ersten. Die Zahlen zeigen, dass
die Leistungen beansprucht werden. Die Mitarbeitenden lieben es und sind sehr
dankbar. Dass die globale Geschäftsleitung mit gutem Beispiel voranging und
Offenheit zeigte, hat intern eine klare Signalwirkung gezeigt.
Wie viele
Mitarbeitende haben das Angebot bisher genutzt? Was waren die Rückmeldungen?
Weltweit wird das Angebot rege genutzt,
wonach über 2500 Anträge eingingen. Hier in der Schweiz, wo wir ca.
2600 Mitarbeitende beschäftigen, sind bislang über 150 Anträge
übernommen worden.
Gab es auch kritische Stimmen oder
Diskussionen im Team? Wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?
In der Tat wurden wir teils kritisiert,
zumal gerügt wurde, dass sich Arbeitgeber in private Angelegenheiten
einmischen. Zudem wurde auch kritisiert, dass dadurch ein Zeichen gesetzt wird,
um die Familienplanung der Karriere unterzustellen. Diese möglichen Risiken
haben wir bereits in der Konzeption des Benefits berücksichtigt und auf
Inklusivität, Anonymität und Freiwilligkeit gepocht. Wir wollen eine offene
Kultur schaffen, das Thema Kinderwunsch enttabuisieren und unsere
Mitarbeitenden sensibilisieren und finanziell unterstützen.
Haben Sie Veränderungen in der Unternehmenskultur
wahrgenommen,
seit das Angebot besteht?
Die offene
Kommunikation trägt zu einer weitreichenden Sensibilisierung zur Thematik bei.
Gemäss einer Umfrage „Young Generation Survey“ sind über die Hälfte der
Befragten von der GenZ/Millenials zu wenig über das Thema Fertilität und
Faktoren, welche die Infertilität beeinflussen, informiert. Wir wollen aktiv
dazu beitragen, diese Stigmatisierung zu brechen und die Bevölkerung zu
sensibilisieren. Aus diesem Grund hat Merck, gemeinsam mit anderen Partnern,
die Initiative „Family Forward“ ins Leben gerufen. Diese hat zum Ziel,
Bewusstsein zu schaffen, Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern und auf
systemische Verbesserungsmöglichkeiten hinzuweisen.
Weitere Informationen zu unserer Initiative finden Sie unter https://familyforward.ch/de/
Haben Sie Resonanz
von BewerberInnen oder externen Partnern erhalten?
Wir haben diverse Anfragen für Austauschgespräche
erhalten, wonach andere Unternehmen Interesse an der Umsetzung und Wirkung
solcher Benefits haben. Wir sind der Überzeugung, dass sich dieser Trend
durchsetzen wird und weitere Unternehmen Fertility Benefits für ihre
Mitarbeitenden einführen werden.
Würden Sie sagen,
dass sich Ihr Arbeitgeberimage durch das Angebot verändert hat?
Es hat sicherlich dazu beigetragen,
unsere Marke extern zu stärken. Wir haben zahlreiche Interviews im TV, Radio
und Zeitungen gegeben. Das Thema trifft einen gesellschaftlichen Nerv und die
Resonanz ist gross. Dass sich dies auf unser Image ausgewirkt hat, ist ein
positiver Nebeneffekt unserer eigentlichen Vision: dazu beizutragen, die
reproduktive Gesundheit in der Schweiz zu verbessern.
Wie reagieren
Mitbewerber, Stakeholder?
Ein Artikel in der NZZ vom 23. Mai
hat gezeigt, dass dieser Trend auch in der Schweiz an Bedeutung gewinnt.
Grössere Unternehmen prüfen bereits, Benefits, Beratungs- sowie
Unterstützungsangebote einzuführen.
Was würden Sie
sich von anderen Arbeitgebern wünschen, um das Thema Fertilität/Infertilität
gesellschaftlich zu stärken?
Erkennen Sie den Kinderwunsch Ihrer
Mitarbeitenden an, scheuen Sie sich nicht, das Thema aktiv anzugehen, und
setzen Sie auch kleine Schritte in Bewegung, um positive Veränderungen zu
bewirken. Dazu zählt auch, eine offene Kultur zu pflegen und zu unterstützen.
Welche Learnings
würden Sie einem KMU mit etwa 200 Mitarbeitenden aus der Industrie
mitgeben, das über ein ähnliches Angebot nachdenkt?
Kinderwunsch und Familienangelegenheiten
am Arbeitsplatz sind Herausforderungen, mit denen Unternehmen jeder Grösse
konfrontiert sind. Die entscheidende Frage ist, wie man damit umgeht. Wir
plädieren für einen proaktiven und offenen Ansatz, der sich auszahlt:
motivierte Mitarbeitende, die tendenziell loyaler sind und ein positives Bild
ihres Arbeitgebers in ihrem sozialen Umfeld zeichnen. Es gibt zwar keine
universellen Lösungen, doch jedes Unternehmen kann Massnahmen ergreifen, um
diesen Themen gerecht zu werden.
Gibt es etwas, das
Sie rückblickend anders machen würden?
Ja, die Fertility Benefits früher
eingeführt zu haben (lacht).
Daneben gibt es ja
heute das umfassende Projekt „Family Forward“, das Merck massgeblich
unterstützt und begleitet.
Eine wunderbare Geschichte! Wir freuen
uns, dass sich bereits einige Partner angeschlossen haben.
Welches Potenzial
hat dieses auf längere Zeit angelegte Projekt und was sind hier die weiteren
Schritte?
Der Fokus der Initiative ist bewusst
relativ breit, weil die Probleme umfassend und vielschichtig sind. In
Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen (HSG) haben wir zum Thema
„Hätte ich nur Bescheid gewusst – Familienplanung und Fertilität in der
Schweiz“ (verfügbar in ENG/DEU/FRA) ein White Paper erarbeitet. In diesem wird
eine systematische Erfassung der Hürden und Barrieren zum Thema in der Schweiz
dargelegt, aber auch offen über „misconceptions“ gesprochen und es werden
konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet.
Wir sind der Überzeugung, dass wir mit der Family Forward-Initiative einen wesentlichen Beitrag leisten können, um den sogenannten „Fertility Gap“ zu schliessen. Dabei arbeiten wir auch mit anderen Partnern und Netzwerken zusammen, um die Reichweite zu erhöhen. Das White Paper finden Sie übrigens unter den folgenden QR Code in drei Sprachversionen.