Wir wissen es alle: Insgesamt werden wir immer älter – die Lebenserwartung in der Schweiz liegt bei Frauen bei 85,8 Jahren und bei Männern bei 82,2 Jahren (Stand 2023). Sie gehört zu den höchsten der Welt und ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, wobei sich der Zuwachs verlangsamt hat. Was bedeutet das für die Blasenfunktion? Wir wissen, dass viele Ältere – sowohl Männer wie auch Frauen – mehr Blasenbeschwerden haben. Lässt sich mit Hormonen hier alles auffangen? Der folgende Artikel beleuchtet die physiologischen und pathophysiologischen Vorgänge bei der alternden Blase.
Altern geschieht auf vielen Ebenen – auf molekularer, zellulärer und auf Organebene, aber auch im Geist. Die urologischen Symptome wie Harninkontinenz oder Symptome der überaktiven Blase, wie z.B. Urgency-, Frequency- oder auch Urge-Inkontinenz, zeigen eindeutig eine altersabhängige Zunahme. Gerade für die Reizblase konnte dies in verschiedenen epidemiologischen Studien in mehreren geografischen Bereichen gezeigt werden. Der Alterungsprozess an der Blase wird durch Veränderungen der Hormonspiegel, durch lokale Erkrankungen, durch systemische altersbezogene Erkrankungen und nicht zuletzt durch neurologische Erkrankungen vollzogen. Die Menopause gilt als unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung von Blasenproblemen. Bei der Prävalenz der Belastungsinkontinenz scheint es einen Peak perimenopausal im Alter von 45 bis 49 Jahren zu geben, während die Dranginkontinenz generell mit wachsendem Alter zunimmt und mehr altersbedingt als menopausenbedingt zu sein scheint.
Generell werden die Symptome im Urogenitaltrakt als Kombination von Östrogenverminderung und altersbedingten Veränderungen gesehen.
Der Alterungsprozess bewirkt eine graduelle Atrophie der Haut und der Schleimhaut, einen Verlust der Skelettmuskulatur, Verminderung des Tonus der glatten Muskulatur sowie eine gewisse nervale Degeneration, was gesamthaft den unteren Harntrakt beeinflussen kann. Urodynamische Studien haben gezeigt, dass der Detrusor altersbedingt an Kontraktilität verliert, damit der maximale Urinfluss reduziert wird und höhere Restharnmengen entstehen.
Wir sehen oft in den Sprechstunden Patientinnen, die mit rezidivierenden Harnwegsinfekten auffallen und bei denen wir eine erhöhte Restharnmenge feststellen, ohne dass sie vorher Blasentraumata wie Retentionen hatten – wahrscheinlich passiert diese Restharnbildung langsam und oligosymptomatisch und baut sich langsam auf.
Lange andauernde subakute und akute Harnretentionen müssen vermieden werden, da hierbei Detrusormuskelgewebe durch nicht kontraktile Kollagenfasern je nach klinischer Situation irreversibel ersetzt werden.
Hier sind wir insbesondere auch postpartal gefragt, um akute Harnretentionen zu erkennen und evidenzbasiert zu managen: Ein über mehrere Tage bestehender Harnverhalt darf nicht passieren und kann zu einer irreversiblen Schädigung der Kontraktilität führen mit Konsequenzen für die Lebensqualität der Patientin.
Untersuchungen an geriatrischen PatientInnen haben gezeigt, dass die urodynamischen Veränderungen in der Detrusorfunktion ein spezifisches Korrelat in der Mikrostruktur des Detrusors zeigen.
Im Rahmen der vesikalen Alterungsprozesse, insbesondere bei Obstruktionen, kann es zu einer partiellen Veränderung des Rezeptorprofils kommen mit partieller cholinerger Denervation und Steigerung der muskarinischen Rezeptorsensibilität, was eine Entstehung der Reizblase begünstigen kann. Die altersbedingte Veränderung der Rezeptorbelegung führt zu keiner Veränderung antimuskarinerger Medikamente, wohl aber müssen wir uns bewusst sein, das ältere Menschen oft mehrere Medikamente mit anticholinergem Potenzial haben und diesbezüglich Nebenwirkungen entwickeln können. Hier sind insbesondere zerebrale Nebenwirkungen mit Verwirrtheit und Einschränkung der Merkfähigkeit zu nennen, weil Gedächtnis ein cholinerger Prozess ist.