Darf ich Ihnen das Sie anbieten?
Es beginnt meist harmlos: „Ooohh, ich weiss nicht mehr – duzen wir uns?“ Damit habe ich keinerlei Probleme und ich bejahe die Frage meistens. Was mich aber irritiert, ist der Verkäufer im Luxusgeschäft, der mich ohne mit der Wimper zu zucken mit „Darf ich Dir die neuesten Modelle von Audemars Piguet zeigen?“ begrüsst. Ein „Du“, das schneller kommt als der Sekundenzeiger seiner Uhr.
Dieses ungefragte Duzen ist mittlerweile eine eigene Epidemie: Restaurants, Läden, Werbefirmen – alle haben offenbar beschlossen, dass Nähe etwas ist, das man sprachlich erzwingen kann. Ein psychologischer Shortcut, ein künstliches Schulterklopfen. Nur: Nähe entsteht nicht durch Grammatik, sondern durch Haltung. Das „Du“ ist kein Beziehungskitt – oft nur eine schlecht getarnte Marketingstrategie.
Unternehmen führen das „Du“ als Kulturrevolution ein – in der Hoffnung auf Teamgeist. Aber ein verordnetes „Du“ ohne gelebte Kultur ist wie ein Chef, der Sneakers trägt und trotzdem autoritär auftritt: Es wirkt nicht locker, sondern künstlich. Nähe lässt sich nicht erzwingen und Distanz ist kein Feind, sondern ein Rahmen.
Das „Sie“ ist nicht altmodisch. Es ist eine Option. Eine bewusste Haltung. Eine Möglichkeit, anderen Raum zu geben, ohne sich gleichzeitig in deren Nähe zwingen zu lassen. Immer wieder treffe ich Menschen, die weder mit Pronomen angesprochen werden wollen noch selbst einheitliche Regeln einhalten. Aber die gleichen Personen duzen mich dann ungefragt? Das ist kein Fortschritt – das ist ein verbaler Übergriff, dem ich ausgeliefert bin.
Im Englischen scheint das alles einfacher: Ein einziges „you“ für alles und dieses „you“ wird meistens als Du interpretiert. Doch der Schein trügt. Die soziale Distanz wird dort über Tonfall, Wortwahl und Kontext geregelt – oft subtiler, manchmal chaotischer. Fettnäpfchen inklusive. Das Deutsche ist hier klarer und ehrlicher: Wir haben ein „Sie“, und es funktioniert.
Die Verdrängung des „Sie“ geschieht nicht, weil es alt ist, sondern weil es Menschen gibt, die lieber Nähe simulieren, statt Respekt zeigen. Doch das steife Sie ist oft hilfreicher als das lockere Du: Es schützt vor falscher Vertraulichkeit und erleichtert sachliche Kommunikation. Ein „Nein“ fällt im „Sie“ deutlich leichter als im „Du“, das schnell zu emotionalen Verwicklungen führt.
Aktuell grassiert eine regelrechte „Duzitis“ – in Politik, Gesellschaft, Unternehmen. Doch wer glaubt, mit einem „Wir sagen jetzt alle Du“ löse man Hierarchien auf oder schaffe Teamgeist, möge kurz tief durchatmen. Streitkultur, Respekt, Kritikfähigkeit – das sind die wahren Pfeiler guter Zusammenarbeit, nicht ein Buchstabe am Satzanfang.
Denn eines ist klar: Das „Du“ schafft keine Nähe, wo keine ist. Das „Sie“ schafft keine Distanz, wo Respekt herrscht.
Darum mein Vorschlag: etwas mehr Wahlfreiheit. Weniger sprachliche Übergriffe. Mehr Bewusstsein. Ich duze viele Menschen und ich sieze viele andere. Nicht, weil ich altmodisch bin, sondern weil ich unterscheiden kann.
Was denken Sie? Oder – falls Sie unbedingt möchten – was denkst du?